Experten-Meinung 5 Min. Lesezeit

“Meine Kinder sind meine Superhelden”

HAE & CONTROL
Fasshauer
Dr. med. Maria Fasshauer

Vielleicht geht es Ihnen wie mir, wenn Sie gefragt werden, was Ihre Kinder Ihnen bedeuten. Natürlich können sie weder fliegen noch besitzen sie übermenschliche Kräfte. Aber sie verkörpern Liebe, Entwicklung und Mut so intensiv, dass es sich genau so anfühlt. Kinder mit HAE brauchen sicher eine extra Portion Mut, um ihre Erkrankung anzunehmen, zu managen und sich nicht einschränken zu lassen.

Mit HAE aufwachsen: verstehen, begleiten, loslassen. 

Wenn ich mit Kindern über eine HAE-Attacke spreche, verwende ich keine komplizierten Fachbegriffe. Stattdessen arbeite ich mit Bildern. Ich erkläre, dass in unseren Blutgefäßen viel Flüssigkeit fließt und sie normalerweise „wasserdicht“ sind. Bei HAE kann es passieren, dass sich kleine „Fenster“ in diesen Gefäßen öffnen. Dann tritt Flüssigkeit aus und sammelt sich im Gewebe, es kommt zu Schwellungen. Dieses Bild verstehen Kinder sofort. Verständnis schafft Sicherheit.

„Meine Kinder sind meine Superhelden.“

DR. MED. MARIA FASSHAUER

Therapie verstehen – Sicherheit gewinnen. 

Eine HAE-Behandlung wird immer individuell abgestimmt. Alter, Häufigkeit von Attacken, Lebenssituation und persönliche Wünsche spielen eine Rolle. Mir ist wichtig, dass Kinder – je nach Entwicklungsstand – und ihre Eltern in die Entscheidung einbezogen werden. Wir sprechen hier vom Shared Decision Making. Therapie funktioniert am besten, wenn sie gemeinsam getragen wird.

Wenn Attacken deutlich seltener oder gar nicht mehr auftreten, entsteht Raum für Normalität. Für Schule, Sport, Ausflüge. Für ein Leben, das nicht ständig von der Angst vor Attacken überschattet wird.

Der große Schritt: raus ins Leben. 

Eine der größten Herausforderungen für Eltern ist es, ihr Kind mit HAE irgendwann gehen zu lassen. In die Kita. In die Schule. Vielleicht zum ersten Mal allein zur Klassenfahrt. Als Ärztin begleite ich diesen Prozess sehr bewusst. Wir führen Gespräche, erstellen Informationsmaterial für Betreuungspersonen und klären offene Fragen. Ziel ist nicht, Ängste kleinzureden. Ziel ist, sie ernst zu nehmen und durch Wissen zu ersetzen.

Kraft geben für Selbstbestimmung. 

Kinder mit HAE sollen lernen, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen, ohne Scham oder Angst. Das gelingt durch ein stabiles Umfeld. Wenn Eltern und Betreuungspersonen ruhig bleiben, informiert sind und Sicherheit ausstrahlen, überträgt sich das auf das Kind. Ich erlebe oft, wie viel Kraft darin liegt, zu sagen: „Wir wissen, was zu tun ist.“ Kinder spüren das. Und sie erleben, dass eine Attacke zwar belastend ist, aber beherrschbar.

Aus Vertrauen wird Selbstvertrauen. 

Auch ein Austausch außerhalb der Familie kann sehr hilfreich sein. Neben ärztlichen Vertrauenspersonen sind vor allem Selbsthilfegruppen eine wertvolle Anlaufstelle. Dort haben Patientinnen, Patienten und Angehörige die Möglichkeit, ihre Erfahrungen zu teilen und zu erleben, wie andere ihren Alltag meistern.

Am Ende geht es immer um dasselbe Ziel: ein Leben, in dem man seine persönlichen Träume und Ziele verwirklichen kann. HAE verschwindet nicht. Aber die Erkrankung lässt sich kontrollieren.

„Wenn aus Wissen Vertrauen wird und aus Vertrauen Selbstvertrauen, dann können Kinder ihr Leben mit HAE meistern.“

DR. MED. MARIA FASSHAUER