Lucia
Persönliche Geschichte 5 Min. Lesezeit

Vom Schweigen zum Wissen.

Am Anfang dieser Familiengeschichte steht ein Satz: „Du siehst aus wie dein Vater.“ Für Lucia Schauf war das lange nur eine beiläufige Bemerkung ihrer Mutter. Später bekam der Satz eine andere Bedeutung. Denn Lucia hatte nicht nur die Gesichtszüge ihres Vaters geerbt, sondern offenbar auch eine Krankheit, die sich durch die Familie zog.

FAMILIE SCHAUF

HAE bedeutete in der Familie Schauf früher vor allem eines: Ausgeliefertsein. Lucia erinnert sich an Jahre, in denen die Krankheit das Leben bestimmte. Drei, vier Attacken im Monat, immer wieder mehrere Tage am Stück. Erbrechen, Durchfall, Bettlägerigkeit. Zehn, zwölf Tage im Monat fielen einfach weg. Leben war das, was zwischen den Attacken stattfand.

Und da war die Angst. Nicht eine diffuse Sorge, sondern die sehr konkrete Bedrohung, die HAE bedeutet, wenn die Atemwege anschwellen. Solche Gefahren waren in der Familie stets präsent. Die Angst davor setzt sich fest. Sie macht aus einer Krankheit nicht nur Symptome, sondern eine Belastung, die Familien über Generationen prägt.

In diesem Schatten wuchs auch Andrea auf, Lucias Tochter. Zwar nicht selbst erkrankt, aber mit einer Mutter, die oft ausfiel. „Ich musste schon früh selber klarkommen“, sagt sie heute. Sachlich, fast beiläufig. Und doch steckt darin viel von ihrer Kindheit: früh funktionieren, früh mitdenken, früh mittragen.

„Ich habe viel verdrängt“, sagt Andrea. Das ist einer der ehrlichsten Sätze dieser Geschichte. Denn HAE war nie nur Lucias Sache. Die Krankheit saß mit am Tisch, bestimmte Termine, Stimmungen und Möglichkeiten. Sie veränderte nicht nur Körper, sondern auch Beziehungen.

Lucia erinnert sich besonders an eine Nacht, in der sie Andrea schlafend allein zu Hause ließ, weil sie mit Atemnot ins Krankenhaus musste. HAE war nie nur eine Diagnose, sondern eine dauernde Belastung für die ganze Familie.

“Alles machen zu können, was die anderen Gesunden auch machen.”

– LUCIA SCHAUF

Als die Krankheit einen Namen bekam

Die Wende kam 1984, als aus vagen Vermutungen in der Familie endlich medizinische Gewissheit wurde. Die Krankheit bekam einen Namen: Hereditäres Angioödem. Mit der Diagnose wurde auch sichtbar, dass sich HAE über Generationen durch die Familie zog – über den Vater, die Großmutter und weitere Angehörige.

Der Satz „Du siehst aus wie dein Vater“ bekam rückblickend eine neue Bedeutung. Er war nicht länger nur eine harmlose Bemerkung, sondern ein Hinweis auf eine vererbte Familiengeschichte.

Die Diagnose löste nicht alles auf einen Schlag. Aber sie veränderte etwas Grundsätzliches. Es gab nicht mehr nur ein scheinbares Schicksal, sondern etwas Konkretes, das sich benennen, erklären und schließlich auch behandeln ließ. HAE war nicht länger nur das Unberechenbare, sondern eine Krankheit, der man sich stellen konnte.

Leicht wurde das Leben dadurch noch lange nicht. Früher, sagt Lucia, habe es praktisch nur Hormontherapie und im Notfall C1-Konzentrat gegeben. Das half – aber Freiheit war das nicht. Es war Behandlung in einer weiterhin von Attacken beherrschten Welt. Irgendwie durchkommen. Mehr nicht.

Erst mit den modernen Therapien veränderte sich der Alltag tiefgreifend. Nicht von heute auf morgen, nicht märchenhaft, aber spürbar. Heute, sagt Lucia, könne man aus vielen verschiedenen Therapieformen wählen, die Prophylaxe sei „das Nonplusultra“. In den vergangenen Monaten hatte sie keine Attacken mehr.

Und genau hier verändert sich mehr als nur ein medizinischer Befund. Attackenfreiheit verändert das Leben einer ganzen Familie. Wer nicht mehr ständig mit der nächsten Attacke rechnen muss, kann wieder zusagen, planen, teilnehmen. Kann verlässlich sein. Kann da sein, ohne im Kopf schon die nächste Absage mitzudenken.

„Es ist die Freiheit, alles machen zu können“, sagt Lucia. „Alles machen zu können, was andere Gesunde auch machen.“ Gerade weil das so schlicht klingt, hat es Gewicht. Normalität ist für Menschen, die jahrzehntelang unter Vorbehalt gelebt haben, alles andere als selbstverständlich. Sie ist Rückgewinnung.

Hannas HAE-Welt

Am sichtbarsten wird das in der dritten Generation. Hanna, Lucias Enkelin, lebt ohne die Krankheit, die ihre Familie lange geprägt hat. Sie erlebt ihre Oma nicht als kranke Frau, sondern als Großmutter, die da ist. In ihrer Welt ist HAE kein unheimliches Familienschicksal mehr, sondern etwas, das sich erklären lässt.

Genau daraus entstand auch „Hannas HAE-Welt“ – ein Projekt, das Kindern die Erkrankung verständlich machen soll. Früher war HAE in der Familie mit Schweigen, Unsicherheit und Angst verbunden. Heute gibt es dafür Sprache, Bilder und Wissen.

„Mir lag es schon seit vielen Jahren am Herzen, HAE auch für Kinder verständlich zu erklären“, erzählt Lucia. Daraus sind Figuren entstanden wie Lexi, der Fuchs, sowie einfache Bilder und Vergleiche, die die Erkrankung kindgerecht greifbar machen sollen. Was früher verschwiegen werden musste, ist heute erklärbar geworden.

„Man darf nichts verschweigen“, sagt Lucia. Auch darin zeigt sich, wie sehr sich der Umgang mit HAE verändert hat.

In ihrer Familie war die Krankheit lange mit Schmerz, Unberechenbarkeit und still mitgetragener Last verbunden. Heute erzählt dieselbe Familiengeschichte außerdem von Wissen, von Handlungssicherheit und neuer Nähe zwischen den Generationen.

“Leben war das, was zwischen Attacken stattfand.”

– LUCIA SCHAUF

Die Familie Schauf zeigt, wie sehr sich das Leben mit HAE verändern kann. Medizinischer Fortschritt lindert nicht nur Symptome, sondern verändert auch den Alltag einer ganzen Familie. Wo früher geschwiegen wurde, wird heute erklärt. Wo Angst weitergegeben wurde, wird heute Wissen geteilt. Und aus einer Mutter, um die sich lange vieles organisieren musste, konnte eine Großmutter werden, die einfach da ist.