Experten-Meinung 6 Min. Lesezeit

“Gute Krankheitskontrolle zeigt sich darin, wie frei sich das Leben anfühlt.”

HAE & CONTROL
Expert
Prof. Dr. med. Jens Greve

Viele Menschen mit HAE sagen, ihre Erkrankung sei gut im Griff - und oft stimmt das auch. Die Attacken sind seltener geworden, der Alltag funktioniert. Man weiß, was im Ernstfall zu tun ist. „Es geht mir gut.“ – ein Satz, der in vielen Gesprächen fällt. Und trotzdem lohnt sich ein zweiter Blick. Denn eine aktuelle Befragung von 122 HAE-Betroffenen in Deutschland zeigt ein überraschendes Bild: 83 Prozent sind mit ihrer Behandlung zufrieden, gleichzeitig berichten aber nur 31 Prozent, in den vorangegangenen sechs Monaten vollständig attackenfrei gewesen zu sein. 

Zufrieden, aber nicht beschwerdefrei 

Prof. Jens Greve, Oberarzt an der HNO-Universitätsklinik Ulm, ist Teil des wissenschaftlichen Teams, das die Ergebnisse der Patientenumfrage ausgewertet und publiziert hat. Für ihn liegt in dieser Diskrepanz eine der zentralen Aussagen der Arbeit. „Gute Krankheitskontrolle zeigt sich nicht nur in Zahlen, sondern darin, wie frei, sicher und selbstverständlich sich das Leben anfühlt“, sagt er. Was auf den ersten Blick wie ein feiner Unterschied klingt, ist in der Realität größer, als viele denken. Denn wer mit HAE lebt, arrangiert sich oft mit seinen Einschränkungen und bewertet Situationen als akzeptabel, die in Wahrheit noch immer belastend sind. Und genau hier stellt sich eine entscheidende Frage: Reicht „Zufriedenheit“ oder lohnt sich ein kritischer Blick darauf, wie viel Raum die Erkrankung im eigenen Leben wirklich noch einnimmt?

Wer sich arrangiert hat, bewertet Situationen oft als akzeptabel, die eigentlich noch immer belasten

PROF. DR. MED. JENS GREVE

Der blinde Fleck im Alltag 

Wer mit HAE lebt, entwickelt Strategien. Das ist ganz selbstverständlich. Man lernt, Warnsignale zu erkennen, man baut Sicherheit ein, wo früher Spontaneität war. Und irgendwann fühlt sich das normal an. Genau darin liegt ein Punkt, der Jens Greve besonders beschäftigt. „Viele Patientinnen und Patienten haben sich im Laufe der Zeit gut eingerichtet“, beschreibt er. „Sie kommen zurecht, haben ihren Alltag organisiert und wissen, wie sie mit Attacken umgehen müssen. Das Problem: Dieses ‚Zurechtkommen‘ wird oft mit echter Kontrolle verwechselt.“ Aber die Erkrankung ist damit nicht verschwunden, sie ist nur leiser geworden und hat weiterhin Einfluss auf das Leben.

Auch wenige Attacken sind nicht wenig

Ein zentrales Ergebnis der Umfrage zeigt genau das: Wenige Attacken sind nicht wenig. Patientinnen und Patienten, die innerhalb von sechs Monaten ein bis drei Attacken hatten, berichten bereits von signifikant stärkeren Einschränkungen als diejenigen, die vollständig attackenfrei leben. Das betrifft nicht nur einzelne Situationen, sondern wirkt sich auf den gesamten Alltag aus – von der körperlichen Belastbarkeit über Konzentration und Leistungsfähigkeit bis hin zu Schlaf und sozialen Aktivitäten. „Wir sehen, dass selbst einzelne Attacken weit über das akute Ereignis hinauswirken“, erklärt Greve. „Sie verändern, wie Menschen ihren Alltag wahrnehmen und gestalten. Denn belastend ist nicht nur die Attacke selbst, sondern auch das, was davor und danach mitschwingt: die Angst vor der nächsten Attacke, die erhöhte Wachsamkeit, das stille Mitdenken möglicher Auslöser.“

Wenn die Krankheit mit am Tisch sitzt

Diese Form der Belastung lässt sich oft schwer erfassen. Sie zeigt sich nicht unbedingt in Zahlen, sondern vielmehr im Verhalten. Jens Greve benutzt ein anschauliches Bild: „Die Erkrankung sitzt oft von Anfang an mit am Tisch: wenn berufliche Anforderungen zunehmen, Reisen anstehen oder Verabredungen und Sport und Freizeitaktivitäten geplant werden. Wer sich vorsichtiger bewegt, als er eigentlich möchte, spürt die Krankheit auch dann, wenn sie gerade schweigt. Auf diese Weise beginnt HAE, den Alltag auch dort zu beeinflussen wo gerade keine Beschwerden sichtbar sind.“

Attackenfreiheit sollte der Maßstab für ein normales Leben mit HAE sein.

PROF. DR. MED. JENS GREVE

Attackenfreiheit bedeutet Alltagshoheit

Die Befragung macht deutlich, wie groß der Unterschied sein kann, wenn die Attacken verschwinden. Patientinnen und Patienten, die in den vergangenen sechs Monaten keine Attacken hatten, schneiden in allen erfassten Lebensqualitätsbereichen am besten ab. Sie berichten über mehr funktionale Stabilität, geringere emotionale Belastung und mehr soziale Sicherheit. „Wer ohne Attacken lebt, sagt seltener Termine ab, meidet seltener Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und erlebt den Alltag insgesamt freier“, weiß Greve. Die Autorinnen und Autoren der Publikation ziehen daraus eine klare Schlussfolgerung: Nicht partielle Kontrolle, sondern vollständige Attackenfreiheit ist der bestmögliche Maßstab, um ein möglichst normales Leben zu erreichen.

Therapie muss sich am Leben orientieren

Dass dieses Ziel heute realistischer geworden ist, hängt auch mit den Fortschritten in der HAE-Therapie zusammen. Wer nicht mehr auf Attacken reagiert, sondern ihnen vorbeugen kann, gewinnt Entscheidungsfreiheit zurück. „Der Unterschied ist nicht nur medizinisch“, erläutert Greve. „Er ist auch psychologisch. Es geht nicht mehr darum, schnell reagieren zu können, sondern darum, möglichst gar nicht erst reagieren zu müssen. Genau daraus entsteht eine andere Form von Sicherheit – eine, die Betroffenen hilft, ihr Leben wieder nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.“

Es geht darum, möglichst erst gar nicht reagieren zu müssen

Jens

Hinzu kommt, dass unterschiedliche Anwendungsformen, Intervalle und Wirkmechanismen neue Wege eröffnen. Lebenssituationen verändern sich: Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Familienplanung, Stress oder medizinische Eingriffe können neue Anforderungen mit sich bringen. Deshalb sollte eine HAE-Therapie nicht als starres Modell verstanden werden, sondern als etwas, das immer wieder überprüft und angepasst werden muss. Auch die Umfrage unterstreicht diesen Gedanken: Regelmäßige, ergebnisorientierte Verlaufskontrollen und personalisierte Behandlungspläne sind entscheidend, damit medizinischer Erfolg auch Lebensqualität bedeutet. 

Wenn die Erkrankung in den Hintergrund tritt 

„Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieser Arbeit: Sie verschiebt den Maßstab“, resümiert Greve. „Es ist nicht allein entscheidend, ob eine Erkrankung irgendwie bewältigt werden kann. Entscheidend ist, wie sehr sie den Alltag noch bestimmt.“ Für Jens Greve zeigt sich der eigentliche Fortschritt genau dort. Nicht darin, dass die Erkrankung verschwindet, sondern darin, dass sie an Einfluss verliert. Dass sie nicht mehr jede Entscheidung begleitet, nicht mehr jede Planung bestimmt und nicht mehr ständig im Hintergrund mitläuft. 

„Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit bleibt immer“, sagt er. „Das gehört zu einer chronischen Erkrankung dazu. Aber entscheidend ist die Balance. Es geht darum, dass HAE nicht mehr den Takt vorgibt.“ Und vielleicht ist genau das die wichtigste Frage, die diese Umfrage aufwirft: Nicht, ob es besser geworden ist – sondern, wie viel besser es noch werden kann.